Zensus

Wie kommt das Altenheim in den Zensus? – Erhebungen an Sonderanschriften

Lesedauer: 6 Minuten

Die Erhebung an Sonderanschriften ist neben der Gebäude- und Wohnungszählung und der Haushaltsstichprobe eine weitere primärstatistische Erhebung im Rahmen des Zensus 2021. Als Sonderanschriften werden hier solche Anschriften bezeichnet, an denen sich Einrichtungen oder Institutionen (Sonderbereiche) befinden, deren Bewohnerinnen und Bewohner oder die dort gemeldeten Personen nicht über das normale Zensusverfahren erhoben werden dürfen oder können. Nachfolgend wird zunächst auf die Definition von Sonderanschriften eingegangen sowie auf die spezifischen Eigenschaften ebendieser. Davon ausgehend werden die Arbeitsschritte zum Aufbau und zur Pflege eines Sonderanschriftenbestands dargestellt. Der Artikel stellt abschließend die Haupterhebung an Sonderanschriften für den Zensus 2021 dar und zeigt die Unterschiede zum normalen Zensusverfahren auf.

Von Valerie Steeb, Hessisches Statistisches Landesamt

Merkmale von Sonderanschriften

Als Sonderbereiche werden im Zensus 2021 Wohnheime (z. B. Studentenwohnheime) und Gemeinschaftsunterkünfte (z. B. Alten- und Pflegeheime, Heime für Menschen mit Behinderung) bezeichnet. Sobald ein Sonderbereich an einer Anschrift vorhanden ist, spricht man von einer Sonderanschrift. Dort können ggf. unterschiedliche Sonderbereiche (z. B. ein Studentenwohnheim sowie ein Heim für Menschen mit Behinderung) oder auch Sonderbereiche zusammen mit einem oder mehreren Normalbereichen vorhanden sein (z. B. ein Studentenwohnheim sowie eine Hausmeisterwohnung). Ein Sonderbereich hat im Vergleich zu einem Normalbereich, welcher über das normale Zensusverfahren erhoben werden kann, spezielle Eigenschaften. So ist bspw. die Fluktuation in vielen Einrichtungen wie z. B. Studentenwohnheimen sehr groß, sodass die Melderegister überdurchschnittliche Zahlen an Karteileichen und Fehlbeständen aufweisen können. Dies machten sowohl die Volkszählung 1987 als auch der Zensus 2011 deutlich. An allen Anschriften mit Sonderbereichen findet daher eine Vollerhebung statt, um diese Über- und Untererfassungen korrigieren zu können. Des Weiteren wohnen in bestimmten Einrichtungen Personen, bei denen die persönliche Befragung aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich ist (z. B. Heim für Menschen mit Behinderung) oder die als sensible Bereiche zu werten sind (z. B. Justizvollzugsanstalt). Hier muss das Zensusverfahren die Möglichkeit eröffnen, dass die Einrichtungsleitung Auskunft für die Bewohnerinnen und Bewohner der Einrichtung erteilt. Darüber hinaus gibt es Einrichtungen, die aufgrund eines Schutzbedarfs nicht erhoben werden dürfen oder nicht zählungsrelevant sind (Einrichtungen mit ausländischen Streitkräften, Diplomaten) und daher grundsätzlich vom Zensus ausgeschlossen werden müssen. Alle Einrichtungen, die im Zensus 2021 als Sonderbereiche definiert sind, müssen vorab recherchiert und entsprechend im Referenzdatenbestand für den Zensus 2021 gekennzeichnet werden.

Im Zensus 2011 erfolgte darüber hinaus eine weitergehende Typisierung der Sonderbereiche anhand des Merkmals „sensibel/nicht-sensibel“. Zu den sensiblen Sonderbereichen wurden damals Einrichtungen wie bspw. Behindertenheime, Krankenhäuser oder Justizvollzugsanstalten gezählt. In diesen Einrichtungen wurden die Bewohnerinnen und Bewohner nicht persönlich befragt. Vielmehr war die Einrichtungsleitung auskunftspflichtig und machte Angaben zu den Bewohnerinnen und Bewohnern der Einrichtung. Zu den im Jahr 2011 als nicht-sensibel definierten Sonderbereichen zählten wiederum z. B. Studentenwohnheime, Alten- und Pflegeheime oder auch Internate. In nicht-sensiblen Sonderbereichen wurden die Bewohnerinnen und Bewohner persönlich befragt. Sie waren gemäß ZensG 2011 auskunftspflichtig.

Die dargestellte Einteilung in sensible bzw. nicht-sensible Sonderbereiche erwies sich in der Vorbereitung auf den Zensus 2021 als nicht zielführend für die Differenzierung der Bereichsarten und die damit verbundene unterschiedliche Erhebung in den Einrichtungen. Vielmehr wurde für den Zensus 2021 festgelegt, dass nun die Unterscheidung zwischen Wohnheimen und Gemeinschaftsunterkünften zur Abgrenzung verschiedener Sonderbereichsarten dienen und das Erhebungsverfahren anleiten soll. Der grundsätzliche Unterschied zwischen Wohnheimen und Gemeinschaftsunterkünften liegt in der Haushaltsführung: Wohnheime verfügen i. d. R. zwar über gemeinsam zu nutzende Räume, allerdings führen die Bewohnerinnen und Bewohner jeweils einen eigenen Haushalt. In Gemeinschaftsunterkünften hingegen wirtschaften die Bewohnerinnen und Bewohner nicht selbständig, sondern werden in der Einrichtung aus gesundheitlichen oder anderen Gründen über die Betreiberin oder den Betreiber versorgt und/oder betreut. Während in Wohnheimen die reguläre Meldepflicht besteht, ist dies in Gemeinschaftsunterkünften grundsätzlich nicht der Fall. Dieses Typisierungsmerkmal hilft bei der weitergehenden Abgrenzung von Bereichsarten, die zu den Gemeinschaftsunterkünften zu zählen sind. Im Zensus 2011 wurden bundesweit rund 46.000 Sonderbereiche mit insgesamt rund 1,7 Millionen Personen (Haupt- und Nebenwohnsitz) ermittelt. Die Mehrheit der Personen in Sonderbereichen befanden sich laut Ergebnissen des Zensus 2011 in Alten- und Pflegeheimen, in Heimen für Menschen mit Behinderung und in Studierendenwohnheimen. Diese drei Sonderbereiche umfassten rund zwei Drittel aller Personen in Sonderbereichen bundesweit. In Hessen wurden rund 3.000 Sonderanschriften ermittelt.

Tabelle 1: Sonderbereichsarten Zensus 2021

BereichsartGemeinschaftsunterkunftWohnheimReguläre Meldepflicht
Studierendenwohnheim-xx
Arbeiterwohnheim-xx
Sonstiges Wohnheim -xx
Internatx-x
Kloster (nur Gemeinschaftsunterkunft)x-x
Mutter/Vater-Kind-Heimx-x
Gemeinschaftsunterkunft von Flüchtlingenx-x
(Not-)Unterkunft Wohnungslosex-x
Sonstige sozialtherapeutische Unterkünfte und Häuserx-x
Alten-/Pflegeheimx--
Heim für Menschen mit Behinderungx--
Kinder- und Jugendheimx--
Krankenhaus, Palliativstation, Stationäres Hospiz, Psychiatrische Klinik und Maßregelvollzugseinrichtungx--
Justizvollzugsanstaltx--
Kaserne (Bundeswehr) und Gemeinschaftsunterkunft (Polizei, Bundespolizei) x--

Aufbau und Pflege des Sonderanschriften-bestands

Es existiert kein Register, welches alle Sonderanschriften bzw. Sonderbereiche enthält. Damit Sonderanschriften nicht über das normale Zensusverfahren erhoben werden oder sogar ganz aus dem Zensus ausgesteuert werden können bedarf es daher im Vorfeld des Zensus 2021 einer umfassenden Recherche von Sonderanschriften. Die Nutzung der für den Zensus 2011 recherchierten Sonderanschriften als Basis für weitere Recherchen ist nicht möglich, da die Daten einer Löschfrist unterlagen und daher nicht mehr zur Verfügung standen. Zur Ermittlung von Sonderanschriften haben die Statistischen Ämter der Länder daher im Januar 2018 mit der Recherche von Sonderbereichen in ihrem jeweiligen Bundesland begonnen. Ziel ist es, einen Anschriftenbestand aufzubauen und kontinuierlich zu pflegen, um eine Basis für die Durchführung der Erhebung an Sonderanschriften zu schaffen. Bei der Recherche können die Landesämter zum einen auf öffentlich zugängliche Quellen (z. B. Internet, Verzeichnisse) zurückgreifen. Des Weiteren besteht die Möglichkeit über andere Statistiken (z. B. Krankenhausstatistik, Kinder- und Jugendhilfestatistik) Informationen zu Sonderbereichen zu erhalten. Grundsätzlich sollen sowohl die Namen und Anschriften der Sonderbereiche erfasst werden, als auch weitere Angaben wie die Bereichsart, mögliche Ansprechpartner/innen sowie der Träger des Sonderbereichs. Auch die kommunalen Verwaltungen und die jeweilige Landesverwaltung können von den Landesämtern um Unterstützung bei der Recherche bzw. Prüfung der bereits recherchierten Sonderbereiche gebeten werden. Dies erfolgt auf freiwilliger Basis. Die Lieferung von Anschriften der Bundespolizei und der Bundeswehr erfolgte zentral über das Statistische Bundesamt, welches die Daten weiter an die zuständigen Landesämter leitete.

Abbildung 1: Ablauf des Aufbaus und der Pflege des Sonderanschriftenbestands für den Zensus 2021

Zur Qualitätssicherung und Ergänzung der bis dato recherchierten Sonderbereiche beginnen die Landesämter ab Frühjahr 2019 mit der Befragung der Träger von Sonderbereichen. Dies soll die Erhebung fehlender und zusätzlicher (noch nicht recherchierter) Informationen zu Sonderbereichen ermöglichen. Jeder Träger erhält eine Liste mit Informationen zu seinen Sonderbereichen. Diese Liste soll von den Trägern korrigiert und ggf. ergänzt werden. Die Ergebnisse aus dieser Vorerhebung werden in den Sonderanschriftenbestand eingepflegt und die Daten aktualisiert. Im Anschluss an die Vorerhebung erfolgt die Erstanbindung des Sonderanschriftenbestands an den Referenzdatenbestand des Zensus 2021. Diese Verknüpfung ermöglicht es, dass alle Anschriften in Deutschland entsprechend ihres Status als Sonderanschrift oder Normalanschrift gekennzeichnet werden können. Die Kennzeichnung ist erforderlich, damit für die Haupterhebung im Zensusjahr 2021 das korrekte Erhebungsverfahren für jede Anschrift sichergestellt werden kann.

Als weiterer Baustein zur Vorbereitung der Haupterhebung an Sonderanschriften im Zensusjahr 2021 ist ab November 2019 die Befragung der Einrichtungsleitungen der Sonderbereiche vorgesehen. Diese Vorbefragung dient dazu weitere Informationen über die Sonderanschriften zu erhalten, die nicht über die grundlegenden Recherchearbeiten und die Vorerhebung bei den Trägern erlangt werden können. Dazu gehören bspw. Fragen zur Art bzw. dem Zweck der Einrichtung, zur Anzahl der Plätze oder zu Lagebesonderheiten der Einrichtung. Diese Informationen dienen zur Organisation der Haupterhebung an Sonderanschriften des Zensus 2021. Die Vorbefragung erfolgt in allen Bundesländern online über IDEV (Internet Datenerhebung im Verbund) und bietet eine papierlose und sichere Übermittlung der Daten an die Landesämter. In den Landesämtern werden die eingegangenen Daten plausibilisiert und in den Sonderanschriftenbestand integriert. Für die Vorbefragung gilt Auskunftspflicht, d. h. alle Einrichtungen sind dazu verpflichtet Auskunft an das zuständige Landesamt zu erteilen.

Haupterhebung an Sonderanschriften im Zensusjahr 2021

Die Haupterhebung an Sonderanschriften findet – wie auch die weiteren primärstatistischen Haupterhebungen des Zensus – im Jahr 2021 statt. Die Anschriften aus dem Steuerungsregister mit Sonderbereichskennzeichnung werden im Rahmen der Erhebung an Sonderanschriften zur Einwohnerzahlbestimmung vollständig erhoben. Bei Normalanschriften hingegen wird lediglich eine Stichprobe zur Überprüfung der Melderegister erhoben. Die Statistischen Landesämter richten in ihren Bundesländern Erhebungsstellen ein, welche wiederum über Erhebungsbeauftragte die Durchführung der Erhebungen vor Ort organisieren.

Grundsätzlich ist zu unterscheiden, ob sich an einer Sonderanschrift eine Gemeinschaftsunterkunft befindet oder ein Wohnheim. In Gemeinschaftsunterkünften erteilen die Einrichtungsleitungen Auskünfte über den Online-Meldeweg. In Wohnheimen dagegen müssen die dort lebenden Personen selbst Auskunft zu den im ZensG 2021 festgelegten Merkmalen geben. Auch hier ist der angestrebte Meldeweg die Online-Auskunft.

An einer Anschrift können mehrere Einrichtungen und somit auch unterschiedliche Bereichsarten vorhanden sein. Sobald eine Gemeinschaftsunterkunft an einer Anschrift vorhanden ist, werden an der gesamten Anschrift nur die Merkmale erhoben, die zur Einwohnerzahlbestimmung erforderlich sind. Anschriften mit einem Wohnheim können auch im Rahmen der Haushaltsstichprobe zu Merkmalen wie Bildung, Erwerbstätigkeit oder Zuwanderung befragt werden, solange keine Gemeinschaftsunterkunft an dieser Anschrift vorhanden ist. Im Vergleich zum normalen Zensusverfahren kann demnach nicht jede Sonderanschrift auch in die Haushaltsstichprobe zur Erhebung von Zusatzmerkmalen gelangen.

Zusammenfassung

Für die Feststellung der amtlichen Einwohnerzahl zum Zensusstichtag müssen neben normalen Privathaushalten auch Gemeinschaftsunterkünfte und Wohnheime im Zensus erfasst werden. Diese sogenannten Sonderanschriften werden jedoch nicht über das normale Zensusverfahren erhoben. Da Informationen zu Sonderanschriften nicht in Registerdaten vorliegen, bedarf es verschiedener Schritte zur Recherche von Sonderanschriften und zur Vorbereitung der Erhebung an Sonderanschriften im Zensusjahr 2021.

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